Die gewollte Inflation

29.11.2021

Die gewollte Inflation

Im September sind die Verbraucherpreise – gegenüber dem Vorjahresmonat – um 4,1 % gestiegen, was dem höchsten Stand seit 28 Jahren entspricht. Die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte bewegten sich mit 12 % auf dem höchsten Level seit der Ölkrise in 1974. Preistreiber waren vor allem die Energiekosten (+24 %) und Vorleistungsgüter (+17,1 %). Erstaunlicherweise liegt die deutsche Inflationsrate (4,1 %) deutlich über der durchschnittlichen Geldentwertung in der Eurozone (3,4 %). Die Verbraucher haben einerseits deutlich mehr Geld für ihren Lebensunterhalt aufzubringen, andererseits werden sie als Sparer massiv enteignet. Einer Bank-Studie zufolge beliefen sich die Wertverluste in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres auf 47 Mrd. Euro, was 570 Euro pro Sparer ausmacht. Hinzu kommen die „Verwahrungsentgelte“ genannten Strafzinsen. Mit Blick auf die zunehmende Verunsicherung der Bürger (und Wähler) setzt die EZB konsequent auf Beschönigung. Dazu zählt die wenig überzeugende These, die nur vorübergehende Inflation werde schon im nächsten Jahr wieder unter 2 % fallen. Prof. Günther Schnabl (Uni Leipzig) sieht darin den Versuch, die Menschen an höhere Inflationsraten zu gewöhnen. In dieses Raster passt auch die seit Jahren von der EZB vorgegebene Sprachregelung, dass es sich bei einer gewollten Inflationsrate „um 2 %“ nur um eine Maßnahme zur Preisstabilität handele. Unverkennbar haben vor allem die Schuldenländer Interesse an einer deutlichen Geldentwertung im doppelten Sinne. Einerseits trägt sie zum Abbau der realen Staatsschulden bei. Andererseits sorgen Preiserhöhungen für mehr Steuereinnahmen. Daher dürfte sich auch das Engagement von SPD und Grünen für konsequente Preisstabilität in Grenzen halten. In diesem Sinne ist der Rücktritt von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann – nach der Bundestagswahl – als fatales Alarmsignal zu interpretieren. Nach aller Voraussicht wird die neue Bundesregierung dafür sorgen, dass dem geldpolitischen „Falken“ eine kompromissbereite „Taube“ im Amt des Bundesbankpräsidenten folgen wird.