05.01.2023 Schlusslicht statt Vorreiter

Deutschland ist dabei, einen Rollentausch von der einstigen Wirtschafts-Lokomotive zum konjunkturellen Schlusslicht in der Eurozone und der EU zu vollziehen. Nach der Herbstprognose der Europäischen Kommission wird das deutsche BIP 2023 um 0,6 % zurückgehen. Zum Vergleich: Für den Euroraum wird ein durchschnittliches Wachstum von 0,3 % prognostiziert.

Während die Bundesrepublik mit der roten Laterne zu leben hat, rangieren die „Problemländer“ Spanien und Griechenland mit einem erwarteten Plus von 1 % ganz oben auf der Liste.

Begründet wird die schwache Entwicklung Deutschlands vor allem mit der Verteuerung der Energiepreise und dem deswegen rück-läufigen privaten Konsum. Außer-dem werde die deutsche Wirtschaftsaktivität dadurch gedämpft, dass energieintensive Produkte nicht mehr hierzulande hergestellt würden und durch Importe ersetzt werden müssten. Angesichts der bisher noch relativ stabilen Konjunktur mehren sich aktuell die Stimmen, die behaupten, die Lage sei besser als die Stimmung. Diese Einschätzung wird allerdings nicht durch die führenden Konjunktur-Indizes bestätigt. So hat sich der Finanzmarkttest des ZEW im Oktober weiter verschlechtert. Der Frühindikator der Commerzbank verzeichnet das stärkste Minus seit 11 Jahren. Auch der ifo-Geschäftsklimaindex und der Einkaufsmanagerindex sind weiter gefallen. All das gibt keinen Anlass zur Weltuntergangsstimmung, aber auch nicht zur Gesundbeterei.

„Äußerst brisante Rezession“
Wie sich die reale Situation in der Wirtschaft darstellt, zeigt repräsentativ der „Weltmarktführerindex Deutschland“. Laut der im November vorgelegten Herbst-Umfrage hat sich das allgemeine Geschäftsklima in den letzten sechs Monaten massiv eingetrübt. Die Daten erreichen teilweise historische Tiefst-stände. Der „erträgliche“ Auftragseingang helfe nicht angesichts der erheblichen Lieferkettenprobleme. Die Vielfach-Krise aus Ukraine-Krieg, hoher Inflation und Fachkräftemangel werde zu einer „äußerst brisanten Rezession“ führen. Jedes zweite Weltmarktführer-Unternehmen beurteilt das Geschäftsklima zwischen „schlecht“ und „schlechter geht es nicht“. Interessant ist auch die Bewertung der Attraktivität der Zielregionen. Aus Sicht der befragten Firmen rangieren die USA (mit 53,2 % der Nennungen) wieder mit Abstand vor Asien (37,1 %). Nur noch 3,2 % bezeichnen Europa als attraktivste Wirtschaftsregion. Bemerkenswert ist auch die unverändert hohe Standorttreue. Nur 6,5 % der Unternehmen denken wegen als unvorteilhaft empfundener Rahmenbedingungen über eine Verlegung der Zentrale ins Ausland nach. Schlechte Noten von den Entscheidern erhält die Wirtschafts- und Finanzpolitik in Deutschland. Sie wird von über der Hälfte als „mangelhaft“ und „ungenügend“ empfunden. Die Durchschnittsnote hat sich seit Frühjahr 2022 von 3,3 auf einen neuen Negativrekord von 4,3 verschlechtert.

Domino-Effekte
Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) rechnet für das Jahr 2022 mit einem verheerenden Produktionseinbruch von 8,5 %. Die Branche gilt bekanntlich als Seismograf für die ökonomische Entwicklung der folgenden Monate. Befürchtet wird ein von der Chemie ausgelöster Kaskadeneffekt mit erheblichen volkswirtschaftlichen Verwerfungen. Als Folge könnten womöglich viele Betriebe in anderen Sektoren die Produktion ein-stellen und Insolvenz beantragen müssen. Der CEO des Spezial-chemie-Konzerns Covestro be-zeichnet vor diesem Hintergrund eine schleichende Deindustrialisierung als reales Risiko. Europa be-finde sich in der schwersten Krise der Nachkriegszeit. Als Illusion bezeichnet der VCI die Hoffnung, „mit Staatsgeld durch die Energiekrise zu kommen und dann in den alten Strukturen weiterzumachen“. Parallel zum kurzfristigen Krisen-management stünden auch die notwendigen langfristigen Strukturanpassungen für die Zukunft an. Sorgen bereitet der Branche der Green Deal der EU, der fast aus-schließlich auf „einen überdimensionierten regulatorischen Werkzeugkasten“ setze. Schon heute gebe es 7.100 Seiten an Regulierungs-Vorschriften für die Chemie-industrie. Der Warenkreditversicherer Allianz Trade erwartet für 2023 einen Anstieg der Insolvenzen um 17 % auf etwas 17.150 Fälle. Restrukturierungs-Experten der TMA Deutschland warnen davor, dass auf die meisten Unternehmen im kommenden Jahr starker Gegen-wind zukomme.

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