Systemversagen

23.01.2023

Systemversagen

Unter der provokanten Headline „Willkommen in der Bananenrepublik Deutschland“ befasst sich die Brüsseler Korrespondentin der „Wirtschaftswoche“ mit dem vielgestaltigen strukturellen Niedergang in der Bundesrepublik. Ihr Geburtsland sei dabei, den Anschluss zu verlieren. Sie begründet diese These mit Beispielen aus Infrastruktur, Digitalisierung, der fehlenden Behörden-Effizienz und dem Verkehrsbereich. In dasselbe Beschwerdehorn bläst der „Focus“ mit einem Beitrag unter der Überschrift „Ein Land funkt SOS – Deutschland an der Belastungsgrenze“. Der Autor fächert eine breite Palette an organisatorischen Defiziten und faktischen Schwachstellen auf, mit denen sich die große Mehrheit der Bevölkerung achselzuckend abzufinden scheint. Erschreckend ist in der Tat, inwieweit Laissez-faire-Mentalität, Realitätsverweigerung und Staatsversagen hierzulande zu einer „neuen“ Normalität geworden sind. Nahezu willkürlich listet der „Focus“ gravierende Missstände und Systemausfälle auf, die den Lebens- und Arbeitsalltag der Bürger zum unkalkulierbaren Vabanque-Spiel werden lassen. Als Beispiele werden die immer noch bestehenden Funklöcher im Mobilfunknetz, der desolate Zustand vieler Autobahn-Brücken und das chaotische Leistungsangebot der Deutschen Bahn ebenso genannt wie schwerwiegende Mängel in Kitas, Schulen und Krankenhäusern. Abgerundet wird das offensichtlich unlimitierte Krisen-Szenario durch Ausrüstungsdefizite bei der Bundeswehr, Bevorratungslücken bei Apotheken, Heizungsprobleme in öffentlichen Gebäuden, bürokratische Digitalisierungs-Verweigerungen und Überlastungen des Stromnetzes. Die zunehmende Verlotterung staatlicher und halbstaatlicher Strukturen mag vielerlei Ursachen haben. Als ein kausaler Zusammenhang drängt sich die Vermutung auf, dass ehemals typisch „deutsche Tugenden“ wie Pflichtbewusstsein, Mitverantwortung, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, auf denen das Wirtschaftswunder basiert hat, in vielen Bereichen längst durch Untugenden wie Desinteresse, Leistungsverweigerung, Wunschdenken und Belanglosigkeit verdrängt worden sind.